Rezension „All das Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr

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All das Licht, das wir nicht sehen

Originaltitel: All the Light We Cannot See

Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence

Erschienen als gebundene Ausgabe

519 Seiten

ISBN: 978-3-406-68063-2

Erschienen bei C.H.Beck-Verlag

 

Inhalt

Saint-Malo 1944: Die erblindete Marie-Laure flieht mit ihrem Vater, einem Angestellten des „Muséum National d’Histoire Naturelle“ aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer. Verborgen in ihrem Gepäck führen sie den wahrscheinlich kostbarsten Schatz des Museums mit sich.

Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert und landet auf Umwegen in einer Spezialeinheit der Wehrmacht, die die Feindsender der Widerstandskämpfer aufzuspüren versucht. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, der die Résistance mit Daten versorgt …

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Meinung

Nach dem ich das letzte Buch beendet hatte habe ich im Rahmen des Lesesommers zum nächsten Buch gegriffen. All das Licht, das wir nicht sehen ist aus vielen verschiedenen Gründen bei mir gelandet, einer davon war auf alle Fälle das Karla Paul es im ARD Büffet empfohlen hat und weil ich mir einfach eine eigene Meinung dazu bilden wollte. So habe ich ganz ahnungslos und unschuldig das Buch aufgeschlagen und Anthony Doerr hat mich mit seiner Art zu schreiben sofort in den Bann gezogen.

 

Die ersten Seiten lassen bereits erahnen, dass es ein interessantes Buch mit Tiefgang werden wird. Als Erstes lernte ich Marie-Laure LaBlanc kennen. Ein blindes Mädchen, dass von ihrem Vater Daniel vergöttert wird. Sie leben in Paris. Er versucht ihr das Leben trotz ihrer Behinderung so leicht wie möglich zu machen. Er würde für sie alles tun und er versucht sie letztlich nur zu beschützen. Doch nicht mal er alleine weiß zu welchem Preis. Dieses innige Verhältnis zwischen Vater und Tochter, die ihren Alltag im Museum National d’Histoire Naturelle meistern ist faszinierend, zu erleben wie Marie-Laure ihre Welt mit den Fingern ertastet und sich voll und ganz auf ihren Tastsinn und das Gehör verlässt.

 

Als überwinde die Liebe für seine Tochter die Beschränkungen seines Körpers. Die Mauern könnten in sich zusammenfallen, die ganze Stadt, doch das Leuchten dieses Gefühls würde nicht vergehen. Seite 195

 

Wie ihr Vater ihr die Welt beschreibt und sie ihr versucht zu erklären und dann kommt das unausweichliche dieser gottverdammte zweite Weltkrieg, dieser Krieg, der für alle Leid bedeutet. Die Deutschen fallen in Paris ein und Daniel verlässt mit Marie-Laure die Stadt und flieht zu seinem Verwandten Etienne nach Saint-Malo. Etienne ist Daniel’s Onkel, Marie-Laure’s Großonkel, und er war bereits im ersten Weltkrieg und ist seitdem nicht mehr wirklich in dieser Welt. Dennoch erkämpft er sich mit seinem Mut, sich und Marie-Laure am Leben zu erhalten in mein Herz. Er überwindet seine Urangst und kämpft.

Parallel dazu wird die Geschichte von Werner Hausner erzählt. Werner wächst im Ruhrgebiet in Deutschland in einem Waisenhaus auf. Er hat nur noch seine Schwester Jutta. Er wird zu der Zeit groß, als Hitler gerade an die Macht kommt. Werner ist eher klein für sein Alter und ihm liegt es nicht sich mit Muskelkraft und Sport hervorzuheben. Er zerlegt lieber Radios in Einzelteile und versucht zu verstehen wie all das funktioniert, warum ein Radio Geräusche von sich gibt. Er bastelt für sein Leben gerne, er liebt die Technik und stellt die wirklich wichtigen Fragen im Leben.

 

Immer wieder habe ich überlegt, wie die beiden Geschichten wohl mal zu einer einzigen zusammen gewebt werden? Was könnte passieren? Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Dadurch das immer wieder Abschnitte aus der „Zukunft“ kommen und dort plötzlich alles anders ist und man zunächst nicht versteht, wie das so weit kommen konnte musste ich ständig und überall lesen. Wo ist Madame hin? Wieso passiert das jetzt? All diese Fragen stellte ich mir und konnte so nicht mehr aufhören, auch wenn dann das unausweichliche kommen würde. Es würde irgendwann Enden und immer begleitete mich die Angst es könnte für Werner und Marie-Laure nicht gut ausgehen. Die Sorge, um die Menschen, die ich in diesem Buch liebgewonnen hatte, denn Anthony Doerr schafft es, dass man wirklich fast jeden Charakter in diesem Buch liebgewinnt und mit vollem Herzen mitfiebert und hofft, hofft das es doch gut ausgehen wird.

 

Werner hat Erfolg, er ist loyal. Alle stimmen darin überein, dass das was er tut, gut ist, und doch hat er jedes Mal, wenn er aufwacht und sich die Jacke zuknöpft, das Gefühl, etwas zu verraten. Seite 254

 

Anthony Doerr schildert so eindringlich, dass keiner der beiden eine wirkliche Chance hatte, es gab einfach keine wirkliche Wahl. Er verurteilt keinen, schildert den moralischen Zwiespalt von Werner, der gerne was erreichen möchte, aber nicht zu diesen Bedingungen, die Hitler ihm auferlegt. Wie der Kampf und auch der Scham nichts tun zu können Werner auffrisst.

 

„Dein Problem, Werner“, sagt Frederick „ist dass du immer noch glaubst, dein Leben gehöre dir.“

 

Er zeigt auf in seinem Buch, was der Krieg aus den Menschen machen kann. Vor allem was passiert, wenn man Kind ist in einer solchen Zeit. Was es heißt seine Kindheit in Nazi-Deutschland zu erleben. Wie mit den Kindern regelrecht Gehirnwäsche betrieben wird. Wie man ihnen das „Deutsche Gedankengut“ einpflanzt und Andersartigkeit als teuflisch dargestellt wird und ihnen mit den übelsten Methoden ausgetrieben wird. Wie die Schwachen vernichtet werden. Alle sollen gleich sein. Wie dennoch das eigene Denken hervorkommt, zumindest bei einigen Kindern. Was Macht über andere Menschen aus ihnen macht. Wie grausam und unmenschlich man werden kann, was tief drin wohl in jedem von uns steckt. Und er zeigt uns wie andere wiederum über sich hinauswachsen können und plötzlich Mut und Courage zeigen. Sich nicht unterbuttern lassen und sich zur Wehr setzen und so überleben.

 

So viele Fenster bleiben dunkel. Als wäre die Stadt zu einer Bibliothek voller Bücher in einer unbekannten Sprache geworden, was auf den riesigen Regalen steht, unlesbar, das Licht verloschen. Seite 347

 

Ich habe schon am Anfang gesagt, ich fürchtete mich regelrecht vor dem Ende. Als es dann kam, was ja wirklich unausweichlich war, fand ich es toll, dass der A. Doerr nicht einfach zum Kriegsende hin aufhört und die Geschichte dort enden lässt, sondern er uns noch ein bisschen weiter von den Protagonisten und ihrem Leben erzählt. Es geht sogar bis ins Jahr 2014.

 

Es ist das Fehlen all der Leichen, denkt sie, das es uns erlaubt zu vergessen. Dass das Gras sie bedeckt und verbirgt. Seite 507

 

Fazit

Anthony Doerr zeigt uns eine einzigartige Schönheit, durch die Augen zweier Kinder in der hässlichsten Zeit der deutschen Geschichte. Ein Buch, dass mich fesselte, bewegte, berührte, mein Herz zum zerreisen brachte und mich auch gelegentlich traurig stimmte. 5/5 Punkte

5 Gedanken zu „Rezension „All das Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr

  • August 1, 2016 um 11:12 am
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    Danke für deine spannende Rezension! Ich habe das Buch auch schon öfter bei Goodreads usw. gesehen bzw. empfohlen bekommen, bin aber bislang noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.

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    • August 1, 2016 um 6:35 pm
      Permalink

      Du solltest es wirklich unbedingt lesen. Es ist ein so tolles Leseerlebnis 🙂

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  • September 18, 2016 um 7:08 pm
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    Allein der Titel des Buches spricht mich total an. Auch wenn es sich hierbei sicherlich nicht um eine Lektüre für Zwischendurch handelt und ich tatsächlich ein klein Wenig Angst davor habe, was mich erwarten könnte, möchte ich es doch gern lesen. Eine schöne Rezension!

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